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Über das Häkeln

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 07.05.2013, 13:00 Uhr.

Die ältesten Häkelfunde stammen aus dem 5. Jahrhundert und sind koptisch, also von ägyptischen Christen. Wenn ich auf Mittelaltermärkten manchmal von sogenannten "autenthisch-gewandeten Freaks" enttäuscht gefragt werde, weshalb ich selbstgemachte neuzeitliche Häkelmützen anbiete anstelle von historisch "mittelalterlich gestochenen", lächle ich. Einmal davon abgesehen, dass diese Technik des Fadenbindens ihren eigenen Reiz hat, und es sich durchaus lohnt, sie zu erlernen, bevorzuge ich persönlich das Häkeln.

Vielleicht erinnert es mich an eine Zeit meiner Kindheit, in der das Leben untrübbar schien. Nach dem Ende des ersten Grundschuljahres verbrachte ich meine gesamten Sommerferien bei meinem Onkel. Erst hinterher erfuhr ich den Zweck dieser Aktion: Meine Eltern wollten mich loswerden, um den Haushalt aufzulösen und fortan getrennte Wege zu gehen. Kurz, nach diesem Aufenthalt brach meine vermeintlich heile Welt zusammen.

Doch noch wußte die Siebenjährige nichts. Meine älteren Cousinen gaben sich große Mühe, mir die vielen Wochen kurzweilig zu gestalten. Ich lernte Tandem fahren, Blaubeeren ernten und - häkeln. So entstand ein erster Kissenbezug, der säter mehrere Jahre im Auto meiner Mutter verbringen sollte. Es folgten Topflappen für meine Großmütter, natürlich farblich passend zu ihren jeweiligen Küchen, Puppenkleidung, Spitzenkragen und nicht zuletzt als Gemeinschaftsarbeit eine Decke, die meine Freundin und mich in so manches Freibad begleitete. Als Jugendliche verfielen wir einem Handarbeitsrausch, lernten selbstredend auch stricken und zogen nur noch eigenproduzierte Pullover und Handschuhe an.

Es muß wohl an den Ferien vor dem Knall liegen, jedenfalls esse ich noch heute mit einer inneren Wehmut am liebsten Blaubeerkuchen und lasse die Stricknadeln zugunsten des Häkelhakens liegen. Dabei verfalle ich in eine Art Meditation, entspanne und bin kreativ. Kein Telefonat ist mehr unnötig lang, kein Warten beim Arzt oder im Amt vergeudet, da zeitgleich eine Mütze entsteht.

Ich will niemanden mit zu vielen Details langweilen, nur ein paar Eckdaten: Gehäkelte Mützen sind dicker als gestrickte; sie enthalten logischerweise auch mehr Wolle. Es gibt verschiedene Häkelarten: Bei Stäbchen beispielsweise entsteht ein eher löchriges Netz, welches vergleichsweise schnell herzustellen ist, aber auch den Wind leicht durchläßt. Feste Maschen dagegen erfordern mehr Geduld und Material, zeichnen sich jedoch durch einen deutlich windbeständigerer Fadenverbund aus. Deshalb verkaufe ich ausschließlich Häkelmützen mit festen Maschen.

Eine Bemerkung zu den Farben: Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und je nach Haar- und Gesichtsfarbe eigenen sich bestimmte Töne beser als andere, klar. Trotzdem ist auffallend, dass Mädchen vom Babyalter an bis zur Jugendlichen zu 90 Prozent quietscherosane oder lilafarbene Mützen gekauft werden, eventuell geringelt mit Weiß oder Türkis. Bei Jungen bleibt es das klassische Blau. Erwachsene greifen gerne zu Schwarz. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Kurz, meine lieben Kunden zwingen mich, überwiegend Rosa oder Schwarz zu häkeln.

Farben haben eine bestimmte Schwingung und regen im Menschen unterschiedliche Aktivitäten an. Für geistige Arbeit empfiehlt sich Weiß oder Violett oder Indigo; für Gartenarbeit Grün und Erdtöne. Mit Gelb-Orange-Rot fördere ich Lebenskraft bis hin zur Sexualität; und mit Rosa die Gefühlswelt. Schwarz dagegen vereint alle Nuancen und damit auch Frequenzen. Beim Häkeln von schwarzen Mützen fällt mir das Denken schwerer und bei rosafarbenen bekomme ich nach einer Weile eine Art Gefühlskollaps. Dann greife ich zu Grün oder Braun, um zu entspannen.

Wer jetzt meint, Mützen sind ohnehin nur etwas für den Winter und kratzen scheußlich, dem sei zum Material gesagt: Reine Schurwolle, direkt vom Schaf, möglichst handgesponnen und pflanzengefärbt, wie es eben "mittelalterlich-authentisch" wäre, sind wunderschön und kratzen tatsächlich! Diese naturbelassenen Exemplare sind bei mir die klassischen Ladenhüter. Eines muß man dieser Wolle jedoch lassen: Sie wärmt und ist ideal an kalten Tagen. Für alle geplagten empfindlichen Menschen gibt es aber eine erstklassige Alternative, nämlich ein Schaf namens "Merino". Im Grunde handelt es sich ebenfalls um Schurwolle; allerdings hat die Natur dieses Tier derart geformt, dass seine Kleidung kuschelweich ist. Einziger Haken dabei: Sie ist entsprechend teuer.

Es soll Personen geben, die deshalb zu preisgünstigen synthetischen Fasern greifen. Diese kratzen zwar nicht, jedoch sie jucken - bei mir zumindest. Mich kribbelt es am ganzen Körper, wenn ich Polyamid auch nur als Beimischung tragen muß. Falls Ihr Kind sich dauernd die Mütze vom Kopf reißt oder die Strümpfe auszieht, denken Sie einmal darüber nach! Für den Sommer existiert eine preisgünstige Option: Baumwolle; sie kratzt und juckt nicht, ist atmungsaktiv und winddicht. Einziger Nachteil: Sie wärmt nur bedingt. Folglich empfehle ich im Winter Merino un von Frühling bis Herbst Baumwolle.

Natürlich kann man Mützen auch stricken, filzen oder nähen. Alle diese Techniken gab es bereits im Mittelalter, sogar richtige Strickzünfte und -maschinen. Ich bleibe bei meinen festen Maschen mit bunten Ringeln, zaubere neue Muster aus Wollresten und meditiere.

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