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Winterzeit versus Sommerzeit

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 22.03.2014, 11:58 Uhr.

Sommerzeit versus Winterzeit Sieben Jahre war ich alt und wohnte bei meiner Urgroßmutter, als die Sommerzeit eingeführt wurde. Ich erinnere das deshalb so gut, weil wir damals abends gemeinsam die Tagesschau guckten, bevor ich ins Bett ging. Aus dieser Phase meiner Kindheit haben sich mir genau vier Fernsehbilder bleibend eingeprägt, aus welchem Grund auch immer: Dazu gehörten die samstagabendliche Ziehung der Lottozahlen -Oma spielte regelmäßig und ich durfte die Treffer kontrollieren-; die Show „Am laufenden Band“ mit Rudi Carell, der es zu verantworten hat, dass mir noch heute beim Hören eines niederländischen Akzents warm ums Herz wird; und eben die Tagesschau. In der Regel fand ich sie langweilig, graute mich vor den ewigen Kriegsbildern aus Israel und Palästina. Es schien mir schon als Kind unerklärlich, wieso alltäglich tote Menschen gezeigt wurden und nach einer kurzen Atempause im selben Tonfall die Fußballergebnisse und der Wetterbericht folgten. Den Rest der Sendung habe ich ohnehin nicht verstanden, saß aber brav vor dem Apparat, da Oma es für wichtig hielt. Und dann kam diese unglaubliche Aufregung wegen der Zeitumstellung. Endlich ein Thema, was ich begriff. Die Rechnung schien logisch: Wenn man alle Uhren im Sommer um eine Stunde vor stellt, bleibt es abends länger hell und es wird weniger Strom für Licht gebraucht. Eine aktive Maßnahme für den Umweltschutz mit so einfachem Mittel. Ich war begeistert und verstand nicht, weshalb sich irgend jemand drüber streiten konnte. Soweit zu meiner Kindheit. Heute lebe ich seit 30 Jahren ohne Fernseher und bin ausgesprochen froh darüber, auch wenn meine Urgroßmutter mich vermutlich kopfschüttelnd als Ignorantin bezeichnen würde, wenn sie noch lebte. Was ist aus dem halbjährlichen Uhrenumstellen geworden? Nach anfänglichen Holpersteinen wie Irritationen beim Errechnen von Geburtshoroskopen, Umschalten von Ampeluhren, Verspätetem beziehungsweise verfrühtem Erscheinen in der Schule oder im Büro, missverstandenem Versetzen bei Verabredungen und ähnlichen Kleinigkeiten haben wir uns daran gewöhnt. Wirklich? Die subjektiv gefühlten Meinungen darüber sind unterschiedlich; es gibt aber ein paar Fakten, die sich mit Zahlen belegen lassen: Zuallererst sei einmal erwähnt. Dass der vielgepriesene Energieeinspareffekt nicht eingetreten ist. Möglicherweise werden ein paar Glühbirnen weniger verbraucht, welche jedoch immer weniger an Bedeutung gewinnen im Zeitalter von Sparlampen und LED. Dafür ist allerdings der zusätzliche Energieverbrauch durch vermehrtes Heizen am früheren Morgen nicht zu vernachlässigen. Schlaue Menschen haben beide Faktoren gegengerechnet und festgestellt: Der Einspareffekt bei Licht wird vom Mehrverbrauch durch Heizen beachtlich übertroffen! Weitere Fakten sind die Unfallstatistiken. Glücklicherweise wird in diesem Land über so ziemlich alles eine Tabelle geführt, welche eindeutig belegt: Am Montag nach den Umstellung zur Sommerzeit, also am ersten Arbeitstag, an dem wir früher aufstehen müssen, schnellt mit stoischer Regelmäßigkeit die Statistik in die Höhe. Aber wir haben uns doch längst daran gewöhnt... Wir hier in Mecklenburg kennen noch ein ganz anderes Problem, das Stadtmenschen vermutlich nicht einmal erahnen: Wir leben in einem für Deutschland dünn besiedelten Flächenland und müssen vergleichsweise weite Entfernungen zurücklegen, um zu irgendeiner Art von moderner Infrastruktur zu gelangen. Ein konkretes Beispiel, der Schulbus: Dieser muss letztendlich alle Dörfer anfahren, um die Kinder einzusammeln und zu den verschiedenen Schulen zu bringen. Entsprechend lange benötigt er dafür. Mein Sohn darf morgens um halb sieben das Haus verlassen, um das 20km entfernte Gymnasium zum Unterrichtsbeginn fünf vor acht zu erreichen. Die Grundschüler fahren nur 8km, deshalb beginnt ihre erste Stunde bereits um 7 Uhr und 10 Minuten (!) und die zwischen beiden gelegene Regionalschule entsprechend um halb acht. Der Schulbeginn ist nach dem Bus getaktet. Im Klartext heißt das, ein Sechsjähriger Erstklässler muss deutlich vor 6 Uhr morgens aufstehen. Nach Winterzeit verlässt er also um halb sechs das Haus. Davon einmal abgesehen, dass mein Kind derart zeitig noch kein Frühstück hinunter bekommt und folglich die erste Stunde mit knurrendem Magen verbringt, haben wir ein Kleiderproblem: Bis in den späten Mai ist die Wiese neben der Bushaltestelle morgens gefroren, auch wenn es mittags sommerlich warm wird. Wie soll ich das Kind kleiden? Schneeanzug für die Hinfahrt und Shorts für Zurück? Wir haben uns für eine leichte Jacke und morgendliches Frieren entschieden, was natürlich die Laune für den anstehenden Schulalltag mächtig steigert. Ich weiß, Menschen in dichter besiedelten und wärmeren Gegenden kennen dieses Problem nicht, und das ist logischerweise die Mehrheit. In einer Radioumfrage haben sich zum großen Erstaunen der Moderatoren sogar viele Anrufer dafür ausgesprochen, die Winterzeit abzuschaffen und immer mit Sommerzeit zu leben! Sie berichteten von abendlichem Joggen und Straßencafes im Sommer.Das hätte immerhin den Vorteil, dass der halbjährliche Wechsel entfiele. Ich bin sicher, keiner dieser Hörer muss um halb sechs morgens aufstehen und seine Kinder sowie sich selbst bei schönstem Tageslicht ins Bett stecken, damit sie in der Dämmerung ausgeschlafen sind. Mich beschäftigt noch ein weiterer Aspekt: unsere innere Uhr, in der Naturheilkunde Organuhr genannt. Demnach gibt es für jede Körperfunktion eine bestimmte, ungefähr zwei Stunden andauernde Tageszeit, in der die entsprechende Drüse ihre Hauptaktivität hat. Diese Organuhr kennt selbstredend keine Zeitumstellung. Morgens um 7 beispielsweise beginnt die Magenstimulierung, im Idealfall passend zum Frühstück. Davor hatte der Dickdarm sein Hoch, was er uns gerne durch den frühen Gang zur Toilette beweist. Nachmittags zwischen 15 und 17 Uhr ist der optimale Moment, Süßes zu verdauen, weil die Milz aktiv ist. Nicht zufällig ist dort die Kaffee-und-Kuchen-Zeit. Wer ein klein wenig auf seinen Körper und dessen Signale achtet, wird feststellen, dass wir scheinbar von alleine einen Lebensstil in Harmonie mit der Organuhr anstreben, leider nur oft nicht vollständig umsetzen können, da Schule, Büro, andere Termine und nicht zuletzt die Sommerzeit uns einen anderen Rhythmus aufzwingen. Aber wir haben uns ja daran gewöhnt, unsere Körpersignale zu ignorieren und vermeintliche Mängel durch Ersatzmaßnahmen zu kompensieren. Es fehlt eigentlich nur noch eine Statistik, die diese Folgeschäden einmal in Zahlen benennt.

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