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Midlifecrisis

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 22.09.2014, 11:36 Uhr.

Sie kommt schleichend. Zuerst lache ich darüber, ein paar einzelne weiße Haare, kleine Falten um die Augen und bisher unbekannte zellulitisartige Haut um den Po herum. Ich lächle und tröte selbstbewusst: „Ich stehe zu meinem Alter!“
Plötzlich verändert sich mein Blick und ich betrachte mit neu entfachter Neugierde die Haarfarbe der Frauen: Junge Menschen mit grellblonden, tiefschwarzen oder hennaroten Locken färben, klar. Das ist so eine Modewelle, die ich nie mitgemacht habe. Wozu auch, mein Straßenköterbraun ist zwar nicht besonders aufregend, aber authentisch und kommt ohne weitere Pflege und Zusatzstoffe aus.
Jetzt stelle ich fest, kaum eine Frau in meinem Alter trägt ein natürliches Braun oder Blond. Die sind definitiv alle gefärbt. Mir stechen vorrangig Paare ins Auge, bei denen der Mann ganz selbstverständlich mit gräulicher Pracht promeniert und seine Frau daneben in makellosem Rotbraun. Wirklich? Bei genauerem Hinsehen bemerke ich einen kleinen hellen Ansatz...
Warum wirken Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts mit weißen Haaren alt, während sie bei Männern elegant aussehen und Lebensweisheit ausstrahlen? Ich entscheide, dieses alles zu ignorieren und mich dem Makel der natürlichen Strähnchen zu stellen.

Lieber konzentriere ich mich auf das nächste Thema: Körperliche Fitness. Kinn, Busen, Po...alles folgt in unaufhhaltsamer Schrittgeschwindigkeit der Schwerkraft. Wie wäre es mit Gymnastik? Bekanntlich tut diese nicht nur dem Aussehen, sondern auch der Gesundheit gut. Im Grunde brauche ich nur das Haus zu verlassen und habe den Wald vor der Tür. Was spricht dagegen, eine tägliche Joggingeinheit einzuführen? Meine Trägheit. Ich habe Joggen nie gemocht und kenne mich genug, um nicht zu wissen, dass ich mich niemals regelmäßig dazu aufraffen werde.
Was gibt es noch? Ab sofort werden kleinere Besorgungen bis 10km nur noch mit dem Fahrrad erledigt. Und was mache ich im Winter? Kurz entschlossen klopfe ich bei dem örtlichen Sportverein an die Tür.Man schlägt mir Aerobic vor. Als ich die Nase rümpfe, stehen noch Kegeln und Handball zur Auswahl. Für Ersteres fühle ich mich doch noch zu jung und für Zweiteres bin ich mit eine Körperlänge von 1,60m zu klein.
„Ja, was mögen Sie denn für eine Sportart?“ kommt die genervte Antwort. Ich träume: „Aikido, Schwimmen...“ … „So etwas gibt es hier nicht,“ werde ich unterbrochen. Für Aikido müsste ich bis Schwerin fahren, 50km einfache Strecke, das fällt aus. Und da wir in Mecklenburg leben, ist die Hallenbaddichte proportional zum Kreishaushalt. Selbst nach der letzten Gebietsreform und dem damit verbundenen Zusammenschluss von drei Altkreisen und einer aktuellen Flächenausdehnung, die größer als das Saarland ist, existiert in unserem Landkreis kein einziges Hallenbad! Neptun hat uns im Gegenzug mit zahlreichen Gewässern beschenkt, so dass die Schulkinder im Sommer eine Woche Schwimmlager am See haben, statt Unterricht. Doch meine Beine wollen regelmäßig massiert werden, vor allem im Winter, wenn Rasenmähen und Gartenarbeit ausfallen.
Mein Blick durchstreift die Liste der Sportarten des Vereins und bleibt beim Damenfußball hängen. Sicherlich war ich noch nie besonders interessiert an dem runden Leder, dem das halbe Volk mit unglaublicher Faszination in gemeinsamer Begeisterung hinterherjagt, aber ich finde die Vorstellung wesentlich angenemher, mich mit den Beinen hinter dem Ball zwischen den Spieler durchzuschlängeln als mit meinen kurzen Armen nach Luftblasen zu greifen. Der Abteilungsleiter mustert mich: „Wie alt sind Sie?“ „38.“ „Also, wenn Sie hier mittrainieren wollen, um sich ein bischen fit zu halten, ist das in Ordnung. Doch glauben Sie bloß nicht, dass Sie bei einem richtigen Spiel eingesetzt werden!“
Ich staune. Sicherlich muss frau erst üben, bevor sie spielen darf, aber ist es sogar in der untersten Lokalliga verpönt, mit Ü30 oder Ü40 aktiv dabei sein zu wollen? Seufzend gestehe ich mir ein, es bleiben nur noch Seniorengymnastik und Tischtennis zur Auswahl. Bei dem Sport mit dem kleinen Ball auf dem großen Tisch treffe ich überwiegend aussortierte Fußballer, Männer von 50plus, die aus ähnlichen Gründen wie ich zum vermeintlich harmlosen Tischtennis gewechselt sind. Doch der Schein trügt und wer tatsächlich versucht, nicht nur im losen Ping-Pong hinter der Platte zu stehen, sondern ernsthaft zu spielen, bewegt sich erstaunlich viel. Von dem ewigen Gerenne nach dem Ball einmal abgesehen... .
Immerhin darf ich mitmachen, ohne ausgelacht zu werden. Allerdings auch hier gilt: Jugend hat Vorrang. Sie soll Spaß am Sport haben und die Chance, in Punktspielen der untersten Klasse zu üben. Finde ich sehr gut. Das ist sicher viel besser, als wenn sie irgendwo herumlungern oder nur vor dem Computer sitzen, zweifelsohne.
Und wie steht es um eine Frau Ü40? Es gibt genau zwei Möglichkeiten: Entweder sie hat in ihrer ersten Lebenshälfte gute Kenntnisse erworben, dann wird sie sofort in die Männermannschaften aufgenommen -Punktebringer sind immer willkommen-; oder sie traut sich einen Neubeginn und hat auch nach Überschreiten des Gipfels den Anspruch, noch etwas lernen zu wollen. Leider ist dieses so gut wie unmöglich, da es kaum jemanden gibt, der bereit ist, ihr etwas beizubringen oder gar mit ihr zu trainieren. Wozu? Die wenigen vorhandenen Kapazitäten gehen direkt in die Jugendförderung. Natürlich. Dort liegt unser aller Zukunft.
Die Wahrheit ist bitter und glasklar: Im fünften Lebensjahrzehnt darf ich auch nach mehreren Jahren regelmäßigen Übens Chancen für sportliche Entwicklung nicht erwarten, schon gar nicht als Frau in einer Männerdomäne. Es bleibt eine altersgerechte körperliche Fitness. Immerhin.

Ein anderer Aspekt ist der Alltag: Ich erlebe überall das gleiche Phänomen: Mit Mitte 40 habe ich die Wahl zwischen einer bereits zwanzigjährigen erfolgreichen Karriere, die sozusagen nur noch auf das Sahnehäubchen wartet, oder bin eine komplette Looserin. Niemand wird einer alleinerziehenden Mutter so spät einen Neueinstieg ermöglichen. Ich finde diese Tatsache ausgesprochen beruhigend: Sie entbindet mich von der Versuchung, meine jetzige Tätigkeit hinzuschmeißen und umzusatteln. Ich würde mich selbst überschätzen und mir in einem kurzweiligen jugendlichen Ideenrausch Dinge zumuten, die ich gar nicht mehr leisten kann. In Phasen von plötzlichem Tatendrang ignoriere ich gerne, wie ich unübersehbar langsamer werde und häufiger Pausen benötige als vor ? Jahren. Es lässt sich nicht in Zahlen benennen dieses stetige und doch unaufhaltsame Voranschreiten.
Zu allem Überfluss verliert mein Körper seine beiden größten Trümpfe: den weiblichen Liebreiz und die Fähigkeit, Kinder zu bekommen; alles, was eine Frau gemeinhin besonders kennzeichnet. Was bleibt, wenn die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der Geschlechter wegfallen, wenn sie sich wie ungebügelter Leinenstoff völlig zerknittert aufeinander zubewegen?
Jetzt bin ich gefordert, die Schönheit meines Partners durch den Bierbauch und die Glatze hindurch zu erkennen. Vielleicht tilgen dieses die jahrelangen gemeinsamen Erlebnisse? Wir haben gelernt, Anmut fernab von äußerem Glanz wahrzunehmen. Plötzlich ist die Vertrautheit wichtiger als alles andere. Schließlich sprechen wir dieselbe Sprache, geprägt durch die gleichen Ängste, Freuden und Leiden. Die Wechseljahre sind eine Chance, dem alltäglichen Trott des Windelwaschens zu entkommen und endlich Zeit für die geistigen Moment zu haben Das ist sehr angenehm.
Als alleinstehende Frau allerdings muss ich feststellen, dass die Männer mich nur noch als Lustobjekt betrachten. Wie beim Sport und im Beruf ist niemand bereit, etwas Neues Gemeinsames zu beginnen. Als Matratze bin ich immer gerne gesehen und kann mich über Angebotsmangel nicht beklagen, doch für eine ernsthafte Beziehung schaut mann nach einem jüngeren Wesen.

Ita est. So ist es. Ich bekomme eine Ahnung vom Leben im Rentenalter. Ü70 und aussortiert?!

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