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Märchen

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 31.03.2015, 11:07 Uhr.

Für mich sind Märchen nicht nur die schönsten, sondern auch die spannendsten und lehrreichsten Erzählungen überhaupt.
Schön sind sie selbstverständlich, weil sie zum Träumen einladen. Das garantierte Happy-End sichert uns von Anfang an ein warmes pochendes Herz. Niemals müssen wir ernsthaft Sorge haben, unser Held oder unsere Heldin würde sterben oder einem anderen tragischen Schicksal zum Opfer fallen. Seit dem ersten Satz freuen wir uns auf das glückliche Ende. Es ist ungemein schön, in diese Welt einzutauchen und für eine kurze Zeit den Alltag zu vergessen.
Egal wie viele böse Stiefmütter, Hexen, Riesen oder Räuber es auf dem Weg dorthin gibt, das Ergebnis, meistens die Hochzeit, steht fest. Diese Sicherheit lädt uns ein, alle eigenen Ängste vorübergehend abzulegen und uns einer kindlich-naiven Freude hinzugeben, die wir Erwachsene oft verlernt oder tief vergraben haben. Doch jeder Mensch versteckt irgendwo in seinem Herzen die Sehnsucht nach einer sorgenfreien Zukunft, in der uns der Partner/ die Partnerin bedingungslos liebt. Mehr noch, mein Prinz ist bereit, für mich Todesqualen zu erleiden oder die schwersten Prüfungen zu bestehen! Wer wünscht sich nicht eine solche Hingabe, eine vollständige Akzeptanz seiner Selbst?
Die „kluge Bauerntochter“ wird zur Königin, der „einfache Soldat“ zum König und so weiter. Jeder kann sich mit irgend einer Märchenfigur identifizieren und seinem Unterbewusstsein die Botschaft schicken: Sieh', das könnte auch ich sein, das traurige von der Stiefmutter verstoßene Mädchen. Ich muss nur durchhalten und werde am Ende von meinem Prinzen erlöst. Keine andere Erzählform gibt so viel Hoffnung. Gerade das Märchen erlaubt diese Identifikation, weil seine Figuren im Unterschied zur Sage in der Regel keinen konkreten Bezug zu historischen Begebenheiten haben. Dadurch fördert es die vollständige Übernahme der Hauptperson ins eigene Unbewußte.
Dazu kommt als weiterer Aspekt der Schönheit die bezaubernde Kulisse mit imposantem Schloss, traumhaften Kleidern und Reichtum; kurz das Paradies auf Erden. Insbesondere bei Verfilmungen erhält dieser Part seinen faszinierenden Reiz. Natürlich achten die Regisseure auf eine bilderbuchhafte Landschaft mit singenden Vögeln, blühenden Wiesen et cetera. Sicher scheint diese Darstellung vor Kitsch nur so zu triefen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass das Märchen dabei im Unterschied zum Schnulzenroman gewinnt. Gerade weil wir selbstverständlich wissen, niemand schläft einhundert Jahre oder wird durch einen Kuss vom Frosch zum Menschen verwandelt, verfallen wir nicht in die Versuchung, die Handlung als real zu betrachten. Deshalb darf sie alles ungestraft, auch die vermeintlich überzogene Idylle.

Wieso sollte eine Geschichte spannend sein, bei der bereits am Anfang das Ende feststeht? Ich behaupte, vielleicht sogar deshalb: Da wir nicht um das Leben unseres Helden bangen müssen, konzentrieren wir uns auf die eigentliche Handlung. Schließlich ist im Märchen weniger die Hochzeit spannend, als vielmehr der Weg dorthin. Welche Prüfungen müssen bestanden werden, wie viele böse Wesen bekämpft und welchen Gefahren wird der Prinz ausgesetzt, bis sein Herzenswunsch sich erfüllt?
Einige Beispiele: „Schneewittchen“ ist natürlich der Klassiker schlechthin. Die Königin verliert ihre jugendliche Schönheit und wird zur reifen Frau. Mit Falten und grauen Haaren kann sie mit dem Liebreiz des heranwachsenden Töchterchens nicht mithalten. Da selbstverständlich die leibliche Mutter im Märchen niemals schlecht sein darf, muss die Figur der Stiefmutter daher. In dieser Rolle können sich vermutlich die meisten pubertierenden Mädchen wiederfinden. Die Tatsache an sich ist banal. Spannend ist, wie gehen die konkurrierenden Frauen damit um?
Auch „Dornröschen“ zeigt jungen Mädchen einen Weg in die Welt der Erwachsenen: Sie ist der überbehütete Schatz von Mama und Papa, das Einzelkind, die Prinzessin, auf die das Königspaar so lange gewartet hat. Doch irgendwann muss sie aus dieser Rolle ausbrechen. Sie wird sich an einer Spindel stechen und bluten, auch wenn ihr Vater alle Spinnräder im Land verboten hat. Mit fünfzehn Jahren reift Dornröschen zur Frau: sie blutet! Es bedarf eines läuternden Schlafes, bis der richtige Mann kommt, um sie wach zu küssen, übersetzt zu entjungfern.
Etwas brutaler beschreibt die Erzählung vom „Rotkäppchen“ diesen Hergang: Das Mädchen mit der erotisch roten Mütze wird vom bösen Wolf aufgelauert. Dieser ist niemand anderes als der Vergewaltiger, der zuerst die Großmutter und danach die Enkelin vernascht. Wie viele Kinder werden von Vätern, Onkeln oder … missbraucht? Bei diesem Märchenklassiker dürfte die Identifkationsrate ebenso hoch sein. Und wie im wirklichen Leben erscheint die Hilfe zu spät, die Damen sind verspeist, die Tat vollbracht; dennoch vermittelt die Geschichte Hoffnung auf ein gutes Ende: Es gibt auch gute Männer wie den Jäger, der sie rettet und den Wolf bestraft.
Auch für Jungen bieten Märchen spannende Personen: Im „gestiefelten Kater“ erhält der Jüngste nur noch das miauende Tier zum Erbe, während seinen älteren Brüdern die Mühle und andere Besitztümer vermacht werden. Das dürfte in Zeiten kinderreicher Familien absolut aus dem Leben gegriffen sein. Mit Spannung verfolgen wir, wie der Kater dem armen Müllerssohn hilft, letztendlich die Prinzessin zu heiraten.
Das gleiche Thema findet man in den „drei Federn“. Auch hier ist es der jüngste und vermeintlich dümmste von drei Brüdern, der sogenannte Dümmling, der schließlich den Thron des Vaters besteigt, noch dazu mit einer schönen Braut an seiner Seite.
Eine andere interessante Lektion darf der Held aus „Hänsel und Gretel“ lernen. Die Konstellation des großen Bruders, der seine kleine Schwester beschützt und mittels Kieselsteinen wieder sicher nach Hause führt, dürfte für viele Jungen eine leicht wiederzuerkennende Szene darstellen. Im Knusperhaus allerdings vertauschen sich die Rollen und die bisher ihrem Geschwister untergeordnete Gretel wird zur Heldin der Geschichte. In der Tat ist sie es, die die Hexe in den Ofen stößt und Hänsel befreit. Im übertragenen Sinn ist dieses Märchen der Wegbereiter für die Emanzipation der Frauen schlechthin!
Die Liste ließe sich seitenlang fortführen und ich kann nur wiederholen, wie spannend ich den Umgang der Figuren mit scheinbar unlösbaren Herausforderungen des Lebens finde.

Gleichzeitig empfinde ich sie als außerordentlich lehrreich. In vielen Erzählungen erfahren die Hauptpersonen unerwartete Hilfe von Feen, Tieren oder sonstigen unerklärlichen Wesen. Was auf den ersten Blick wie reine Phantasie erscheint, entpuppt sich bei genauerem Betrachten als klarer Wegweiser für das Bestehen in der Welt der Erwachsenen.
Wie ein roter Faden zieht sich ein und dasselbe Thema durch die meisten Geschichten: Die Helden stehen vor weitreichenden Entscheidungen, ihre Zukunft betreffend. Oft wissen sie nicht einmal um die Tragweite ihrer folgenden Handlung. Jeder Mensch kennt solche Situationen, insbesondere Kinder und Jugendliche. Die Märchen lehren uns, dass grundsätzlich derjenige erfolgreich ist, der mit dem Herzen handelt.
Die „goldene Gans“ bekommt der Jüngling nur geschenkt, weil er dem alten Mann von seinem Essen abgibt; „Schneeweißchen und Rosenrot“ retten dem Prinzen das Leben, indem sie ihn liebevoll als verzauberten Bären vor den Jägern schützen; im „Sterntaler“ verschenkt das Mädchen alles, was ihm lieb ist, zuerst die Puppe und dann die Kette, rettet außerdem den Hund und wird erst danach reich beschenkt; auch bei „Frau Holle“ müssen zunächst der Apfelbaum geschüttelt und das Brot aus dem Ofen geholt werden, bevor es die Belohnung gibt.
Wichtig dabei ist, dass die Helden im Moment der Herzenstat nicht um dessen Tragweite wissen und sie einfach tun. Ich behaupte, niemand kann Menschen, vor allem Heranwachsenden, derart ergreifenden Unterricht erteilen wie diese Märchen. Sie lehren uns, die Herausforderungen des Lebens können noch so schwer sein, wenn ich mich mit ganzem Herzen auf den Weg mache, ist so ziemlich alles möglich. Niemand behauptet, das glückliche Ende sei selbstverständlich. Meistens sind drei Prüfungen zu bestehen, die es in sich haben. Wer traut sich schon zu, dem „Teufel seine drei goldenen Haare“ zu stehlen oder sechs Jahre lang zu schweigen, wie in den „sechs Schwänen“? Auch die glückliche Wende geschieht oft auf ganz anderen Wegen, als die Märchenfiguren und damit wir denken.
„Aschenputtel“ will auf den Ball beim Prinzen und soll dafür hart arbeiten. Doch als sie vermeintlich die Bedingung erfüllt hat, wirft die Stiefmutter noch die Linsen in die Asche. Nun bekommt sie Unterstützung von den Tauben, um die versprochene Eintrittskarte zum Schloss zu erhalten. Eigentlich ist es egal, ob sie die Arbeiten erledigt oder nicht, die Stiefmutter wird ihr in jedem Fall die Fahrt verbieten. Wozu also der Aufwand? Die Situation scheint hoffnungslos, ein passendes Kleid hat sie ohnehin nicht. Erst als sie weinend am Grab ihrer Mutter verzweifelt, tritt der unerklärliche Zauber in Kraft. Warum eigentlich nicht gleich, könnte man sich fragen? Doch die Erzählung lehrt uns: Zuerst alle Aufgaben erledigen. Dann geschieht garantiert ein Wunder, wenn auch ganz anders, als erwartet!
Niemand weiß, wann und in welcher Form dieses Phänomen eintritt, doch die Märchen ermuntern auf grandiose Weise, unseren Herzen treu zu bleiben, uns alle noch so schweren Herausforderungen zuzutrauen und an eine höhere gerechte Macht zu glauben.

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