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das 21. Jahrhundert erreicht Below

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 29.11.2017, 18:08 Uhr.

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Nur zur Information der unwissenden LeserInnen: Ich spreche nicht von einer Insel im Pazifik oder der Eislandschaft Lapplands; nein, mein folgender Bericht gilt einem 200 Seelen-Dorf im Herzen Mecklenburgs, im Norden einer der angeblich reichsten und fortschrittlichsten Nationen Europas, der größten Wirtschaftskraft der Europäischen Union.
Ja ja, diese Bundesrepublik Deutschland ist eben sehr heterogen – alles andere wäre auch langweilig. Das digitale Zeitalter benötigt zunächst analoge Bauarbeiten und die dauern eben.

Zurück zum Jahr 1990: Gerade ist die Mauer gefallen und die verschlafenen Dörfer Mecklenburgs versuchen, den DDR-Standard abzuschütteln und sich an die hochgelobte Westzivilisation anzubinden.
Da ich persönlich meine Jugend in West-Berlin verbracht habe, musste ich mit meinem Umzug nach Below auf einige Dinge verzichten, die mir vorher selbstverständlich waren: An erster Stelle stand das Telefon. Ich gebe zu, es war eine enorme Umstellung.
Wir gründeten eine Bürgerinitiative zum Schutz unserer schönen Landschaft und gegen eine geplante Abfalldeponie, die diese zerstören sollte. Während die Planer und vorgesehenen Betreiber der Müllkippe über damals vermeintlich selbstverständliche Kommunikationsmöglichkeiten wie Telefon und Telefax verfügten, hatten wir nicht einmal ein simples analoges Telefon. Wir schrieben immerhin das Jahr 1995 und für jede Besprechung unserer Bürgerinitiative schwang sich Eine oder Einer aufs Fahrrad und fuhr die Mitglieder aus sieben Dörfern einzeln an, um ihnen persönlich oder per Zettel im Briefkasten den nächsten Termin mitzuteilen.
Wie gesagt, ich war etwas verwöhnt als sogenannte „Wossi“.Die ersten Funkmasten wurden gerade gebaut und Handys kamen auf, aber fast keiner von uns besaß eines. Jedoch Geduld wird belohnt und sieben Jahre nach Antragstellung, 1997, erhielten wir endlich die ersehnte Anbindung an die Welt in Form eines neu verlegten Glasfaserkabels mit Festnetz.

Man versicherte uns damals, das sei die neueste Technik und wir gehörten nun zu den Vorzugsgebieten des digitalen Fortschritts! Wir glaubten das, bis die Kunde über das Internet bis Mecklenburg vordrang und die Dorfbewohner aufmuckten; sie wollten unverschämterweise auch daran teilhaben!
Mittlerweile hatten die schnurlosen Telefone sogar in Below Einzug gehalten und man konnte sich tatsächlich in einigen höher gelegenen Straßen auf den Dachböden über einen Funkmast ins Internet einloggen!
Ich verzichtete darauf, da ich bis heute kein Handy besitze. Stattdessen benutzte ich das Modem meines Computers mit einer Übertragung von 56 kbits. Für eine einfache Textnachricht war das ausreichend. Sobald man einen Anhang oder gar ein Foto einfügte, dauerte das Versenden circa 50 Minuten. Mit einem zwischengeschobenen Frühstück war das kein Problem; doch leider war die Verbindung nicht konstant und brach nach spätestens 15 Minuten zusammen. Dieses war ausschließlich vor sechs Uhr morgens möglich, danach gab es überhaupt keine Verbindung mehr.

Ich wandte mich an die Presse, die Gemeinden, den Landkreis und sogar den Bürgerbeauftragten des Landes mit der unverschämten Frage, wieso diese so hochgepriesenen Glasfaserkabel nicht internetfähig sind? Es folgten viele Schreiben und persönliche Erklärungen, deren Fazit in Kurzfassung war: Glasfaser ist nicht gleich Glasfaser und das in Below verlegte Hybridglasfaser ist mittlerweile völlig veraltet und nicht internettauglich. Für eine von mir gewünschte LAN-Verbindung müssten komplett neue Kabel verlegt werden, was in einem so keinen Dorf nicht rentabel ist.
Doch die Einheimischen forderten weiterhin ihre Teil an der Zivilisation des neuen Jahrhunderts. Das hatte zur Folge, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit den vielen von diesem Problem betroffenen Gemeinden massenweise Funkmasten errichten ließ, um wenigstenseine WLAN-Verbindung mit 6.000 kbits zu ermöglichen. Wohlgemerkt im Jahr 2010, als der Bundestag über 50.000 als deutschen Standard diskutierte!
Schon damals habe ich mich ungemein darüber aufgeregt, warum Land und Kommunen die Bewohner mit Funksmog bombardieren und riesige Summen an Steuergeldern für ein Provisorium verschwenden, anstatt gleich in LAN-fähige Kabel zu investieren. Doch auf mich hat natürlich niemand gehört.
Jedenfalls kaum waren die WLAN-Masten errichtet, hat die Bundesregierung sich entschlossen, das sogenannte „kabelgebundene Breitbandnetz“deutschlandweit auszudehnen.Und nach einer Bauzeit von nur wenigen Jahren wurden in Below tatsächlich neue Glasfaserkabel verlegt; dieses Mal mit Bundesmitteln! Das ist selbstredend ein ganz anderer Steuertopf als die kurz vorher „investierten“ Landes- und Kommunalgelder.
Fakt ist, nach dem Telefon 1997 haben wir 2017, genau zwanzig Jahre später, Internet undzwar 100.000 kbits! Das 21. Jahrhundert erreicht Below. Zwar sind noch nicht alle Straßen angebunden und auch noch nicht die umliegenden Gemeinden wie die Stadt Goldberg, doch bis zum 22. Jahrhundert sollten auch sie erschlossen sein.

Zum Schluß ein kleiner Ausblick in die Zukunft: Unser Ex-Landkreis Parchim ist seit der Fusion mit dem Ex-Landkreis Ludwigslust zwar in der Fläche größer als das Saarland, besitzt jedoch kein einziges öffentliches Hallenbad. Die Schulkinder nehmen für den Schwimmunterricht im Juni eine Woche an einem Schwimmlager am See teil. Es ist nur ein unverschämter Wunsch meinerseits....und wenn ich schon vor dem Weihnachtsmann stehe, hätte ich auch gerne einen Bahnhof. Zur Zeit fahre ich in alle Himmelsrichtungen 35 km zum nächsten Zug...doch das ist eine eigene Geschichte.

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