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Abenteuer Bahnfahrt

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 20.11.2018, 11:33 Uhr.

Mecklenburg von seiner schönsten Seite: Seen, Wälder, Wiesen, Kühe, Pferde – dazwischen ab und zu eine eingleisige Bahnstrecke mit Draisine.
Das ist eine Art Fahrrad mit vier Rädern, mit dem man auf den Gleisen fahren kann. So ähnlich wie ein Tretboot, nur eben ohne Wasser und auf den Schienen. Touristen bezahlen eine nennenswerte Summe dafür, sie tageweise zu mieten.
Ich persönlich bevorzuge mein eigenes Farrad ohne Leihgebühr und die Eisenbahn für größere Entfernungen. Als ich 1994 nach Mecklenburg gezogen bin, konnte ich von meinem Dorf aus mit dem Zug bis Berlin fahren, inklusive zweimal umsteigen.
Heute wird nicht nur diese Bahnstrecke ausschließlich von der Draisine genutzt, sondern auch alle anderen im Radius von 35 km sind stillgelegt. Ohne Auto ist man hier im Grunde unbeweglich – soweit zur innerdeutschen Ost-West-Anpassung und den Klimaschutzzielen der Bundesregierung... .
Trotzdem habe ich mir letztes Jahr eine BahnCard gekauft! Vielleicht bin ich eine ins Alter gekommene Öko-Tante aus den Achtzigern geblieben, möglicherweise nur abenteuerlustig oder eventuell sitze ich lieber entspannt und häkelnd im Zug als genervt im Stau auf der Autobahn.
Fakt ist, ich hatte im letzten und in diesem Herbst den Luxus, dass mein Stand ohne mich auf die Herbstmärkte gefahren wurde. Foglich konnte ich mit einem kleinen Handgepäck für das Wochenende Bahn fahren. Bei fünf Märkten hin und zurück macht das genau zehn Fahrten.
Konkret: Ich benötige circa 40 Minuten mit dem Auto bis wahlweise Bützow, Güstrow, Malchow oder Parchim, um von dort mit der Regionalbahn nach Hamburg oder Berlin zu gelangen, wo ich Anschluss an schnellere Verbindungen habe.
Grundsätzlich finde ich es in Ordnung, mehrmals umzusteigen. Schließlich kann ich auf dem Lande keinen ICE erwarten. Das Problem ist nur die (Un-)Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn. Sobald auch nur einer meiner Züge Verspätung hat, komme ich auf dem Hinweg mindestens eine und auf dem Rückweg mindestens zwei Stunden verzögert an.
Ich lernte viel letzten Herbst: Zum Beispiel, dass Rollstühle nicht in den InterCity passen; ein ICE ab Berlin durchaus zehn Minuten VOR dem offiziellen Termin startet; ein Zug manchmal ganz ausfällt; eine Sitzplatzreservierung überflüssig ist, da ich ohnehin selten mit dem gebuchten Zug fahre; man am Infozentrum in Leipzig und Frankfurt Ersatzverbindungen ausdruckt, die sich zwei Stunden später in Weimar oder Darmstadt als Schienenersatzverkehr entpuppen, was aber die Computer der Bahn offensichtlich nicht wissen; die letzte Regionalbahn immer auf mich wartet, wenn mein vorheriger IC verspätet ist, da die Bahn mir sonst bis 80 km ein Taxi beziehungsweise ein Hotel bezahlen muss; meine durch den Sparpreis bedingte Zugbindung entfällt, sobald ich einen Anschluss unverschuldet verpasse und ich bei einer Stunde mir 25% des Fahrpreises sowie bei zwei Stunden Verspätung 50% rückerstatten lassen kann.
Also sammelte ich die Fahrkarten, ließ mir alles abstempeln und vom Zugbegleiter unterschreiben, reichte die Zettel mit dem Fahrgastrechteformular ein und erhielt einen Stapel Gutscheine. Genau fünf von insgesamt zehn Tickets waren betroffen. Ehrlich gesagt war ich danach nicht mehr sicher, ob ich dieses Abenteuer noch einmal erleben wollte. Es gibt gerade auf EU-Ebene einen Gesetzesvorschlag, wonach die Rückerstattung auf 50% bei einer Stunde und 100% bei mehr als zwei Stunden Verspätung erhöht werden soll. Noch ist nichts entschieden, doch frage ich mich, wie die Deutsche Bahn dabei noch Gewinn machen soll? Für meine zehn Fahrten quer durch Deutschland mit dem ICE habe ich unter dem Strich nicht einmal 200 € bezahlt und mit der neuen Regelung wären es gerade 140 €. Ich profitiere davon, aber ist das aus unternehmerischer Sicht rentabel?

Ein Ausschnitt eines Dialogs zwischen mir und einem Zugbegleiter: Er: „Wenn Sie Ihre Fahrkarte sechs Wochen früher kaufen, können Sie nicht erwarten, dass Ihr Zug tatsächlich fährt.“ Ich: „Nein? Wozu dient dann der Fahrplan?“ Er: „Der ändert sich regelmäßig. Sie sind als Fahrgast verpflichtet, sich kurz vor Reiseantritt über den aktuellen zu informieren.“ Ich: „Wie?“ Er: „Am Bahnhof zum Beispiel.“ Ich: „Bei mir gibt es im Radius von 35 km in jede Himmelsrichtung keinen Bahnhof. Die sind alle stillgelegt. Und auch die mit einer Dreiviertelstunde Autofahrt haben keinen Schalter, sondern nur noch Fahrkartenautomaten.“ Er: „Informieren Sie sich im Internet.“ Ich: „Seit ein paar Jahren wird uns versprochen, dass auch unsere Gemeinde ans Internet angeschlossen werden soll. Wir warten darauf.“ Er: „Dann müssen Sie in Kauf nehmen, dass Ihr Zug nicht fährt.“

Als ich diesen Sommer plötzlich eine neue BahnCard samt Rechnung zugeschickt bekam, entdeckte ich die Falle: Wenn ich nicht mindestens zwei Monate vor Ablauf der alten BahnCard kündige, erhalte ich automatisch eine neue...sehr geschickt. Damit war meine Entscheidung gefallen. Die Deutsche Bahn sollte eine zweite Chance bekommen. Immerhin galt es, eine Statistik von 50% (Un-) Pünktlichkeit zu unterbieten.
Wieder buchte ich zehn Fahrten mit dem zuggebundenen Sparpreis. Der einzige Unterschied: Mittlerweile haben wir Internet im Dorf und ich machte also den Haken für den Verspätungsalarm per E-mail. Dieses Jahr würde ich nicht wieder vor unerwartet gesperrten Gleisen in Güstrow stehen – dachte ich zumindest:
Die Hinfahrt nach Apolda verlief leidlich. Die Verspätung des ersten Zuges wurde durch die des zweiten wieder aufgehoben. Da der dritte in Erfurt dann auf mich wartete, kam ich sogar pünktlich an. Der Zugbegleiter im ICE hatte meine Regionalbahn nach Apolda „vorgemeldet“. Der kleine Zug wartet durchaus auf den großen, aber nicht umgekehrt. Da dieses Vorgehen systematisch praktiziert wird, entsteht auf diese Art täglich ein Rattenschwanz von aufeinanderfolgenden Verzögerungen, in dessen Folge ich bereits mehrfach einen ICE verpasst habe.
In Leipzig amüsierte ich mich köstlich: Statt am Hauptbahnhof hielten wir in Leipzig-Messe. Ich musste glücklicherweise noch nicht umsteigen. Dann ertönte folgende Lautsprecherdurchsage: „Reisende nach Chemnitz verlassen bitte hier den ICE und fahren mit der Straßenbahn nach XY. Dort haben Sie Anschluss an den Schienenersatzverkehr bis ZX, von wo Sie mit der Regionalbahn nach Chemnitz gelangen.“ Ich lachte laut auf, in welchem Jahrhundert befand ich mich?
Auf der Rückfahrt wurde die Statistik erfahrungsgemäß eingehalten: Wir waren mit dem Standabbau schneller als gedacht und ich konnte ab Apolda zwei Stunden früher starten. In Leipzig stand ich dann vor dem ICE nach Berlin und fragte den Zugbegleiter, ob er mich mitnimmt. Meine Fahrkarte war zuggebunden für den ICE zwei Stunden später. Es war jetzt eine Ermessenssache des Schaffners. Er sagte: „Gehen Sie einen Kaffee trinken.“
Seufzend setzte ich mich in den Warteraum. Als ich später „meinen“ Zug nehmen wollte, hatte dieser schlappe 45 Minuten Verspätung und durfte wegen eines technischen Defektes in Berlin nicht durch den Tunnel zum Hauptbahnhof, wo ich aber umsteigen sollte.
Die freundliche Dame am Infoschalter erklärte mir, ich hätte den ICE vor zwei Stunden nehmen können, da zu diesem Zeitpunkt bereits die Verspätung des anderen bekannt war...danke lieber Zugbegleiter...und jetzt solle ich natürlich nicht mit der S-Bahn durch Berlin gurken, sondern gleich mit dem nächsten ICE nach Hamburg fahren, um von dort den IC nach Bützow zu nehmen. Dann sei ich immer noch schneller als über Berlin.
Gesagt, getan – bloß der IC in Hamburg hatte 75 Minuten Verspätung, was die Dame in Leipzig eigentlich hätte wissen müssen. Fazit: Ich kam mehr als drei Stunden später als geplant in Bützow bei meinem Auto an.

Eine Woche später, fast die gleiche Zugverbindung, nur dieses Mal nach Gera. Kurz, zurück musste ich in Leipzig wieder in denselben ICE umsteigen. Nun war der Grund der Verspätung ein „Notarzteinsatz am Gleis“, was übersetzt ein Selbstmord vor dem Zug ist. Natürlich kann die Bahn nichts dafür, auch nicht für Bombendrohungen am Bahnhof, Herbststürme, zerschnittene Oberlandleitungen und so weiter.
Von Berlin nach Rostock fährt zwar ein InterCity, aber der hält nicht in Güstrow. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zwei Stunden auf den nächsten Regionalexpress zu warten. Beim dritten Markt in Weimar kam ich sogar hin und zurück mit den gewünschten Zügen an.

Vier Tage vor meiner Reise nach Reichelsheim erhielt ich eine Mail von der Bahn: „ Es gibt Änderungen bei Ihrer Fahrt von Güstrow nach Erfurt.“
Was war los? Eine Zugverspätung erfuhr ich ja kaum vier Tage früher. Leider konnte man der Mail nicht entnehmen, welcher der Züge betroffen war und warum. Ich entdeckte einen Tab „Details einblenden“.
Los ging’s. Doch statt weiterer Informationen fand ich nur einen Verweis auf den aktuellen Fahrplan. Ich versuchte es: Abfahrt 4:54 Uhr ab Güstrow, Ankunft 9:24 Uhr in Erfurt, so meine Fahrkarte. Der Bildschirm zeigte mir Abfahrt 6:06 Uhr ab Güstrow in Richtung Norden, aber ich will doch nach Süden? In Plaaz, einem Dorf zwischen Rostock und Güstrow, sollte ich dann umsteigen in den Zug nach Berlin und letztendlich genau zwei Stunden später in Erfurt ankommen. Keine Begründung und keine Chance, früher in Erfurt zu sein. Wir mussten von dort noch mit dem Auto in den Odenwald fahren und zwei Marktstände aufbauen. Ich hatte mir schon etwas dabei gedacht, die früheste Option zu buchen.
Zwei Tage später erhielt ich den nächsten „Verspätungsalarm“. Auch bei der Rückfahrt würde ich nicht nach Güstrow kommen, sondern nur nach Plaaz. Da ich den letzten Zug gebucht hatte, sagte das Online-Portal der Bahn mir, sollte ich in Plaaz nachts von 0.55 Uhr bis 3.20 Uhr auf die erste S-Bahn nach Güstrow warten!
Tief durchatmen. Immerhin wusste ich es vorher. Letztendlich entschied ich, morgens eine Stunde länger zu schlafen und das Auto gleich an der nächsten Haltestelle zu parken. Dort entnahm ich einem Aushang, dass es um 4.21 Uhr einen Bus ab Güstrow zu dem früheren Zug gegeben hätte, ebenso einen nachts für den Rückweg. Warum stand das nicht im Internet?

Der Zugbegleiter weigerte sich, mir auf der Fahrkarte zu vermerken, dass man in Güstrow nicht einsteigen konnte: „Sie hätten sich im Internet erkundigen und den früheren Zug erreichen können.“
Ich: „Ihr Kollege im ICE gleich wird nachfragen, warum ich mit einem späteren Zug unterwegs bin. Ich bin schon einmal angeschnauzt worden, weil ich den Vermerk nicht hatte.“
Er: „Dann müssen Sie in Berlin an die Information gehen und sich den Stempel holen.“
Ich: „Ihnen ist schon bewusst, dass ich einen Koffer habe und wir in Berlin-Tief ankommen? Die Info befindet sich zwei Stockwerke höher. Ich muss dann mit dem Gepäck wieder zurück nach Tief und habe für alles nur eine kurze Umsteigezeit.“
Er: „Das ist Ihr Problem, nicht meines.“
So macht Bahnfahren doch richtig Spass.

Auf der Rückfahrt im letzten Regional-Express von Berlin nach Rostock zeigte ich der Zugbegleiterin meine Fahrkarte. Laut dieser stieg ich in Güstrow aus. Sie konnte nicht wissen, dass mein Auto woanders parkte. Ich schwieg und wartete auf ihren Kommentar. Sie nickte die Fahrkarte ab und ging wortlos weiter. Ich rief sie zurück, fragte, ob der Zug in Güstrow hielt?
Sie stutzt: „Am Wochenende war Güstrow gesperrt, aber heute haben wir dort schon gehalten. Alles ist wieder frei.“
Ich: „Wieso habe ich dann von der Bahn eine Mail erhalten, dass ich in Plaaz aussteigen soll?“
Sie tippte auf ihren Diensthandy: „Tatsächlich, wir halten nicht in Güstrow. Augenblick, ich spreche mit dem Lokführer.“
Sie verschwand und kam kurz darauf wieder: „Der Lokführer wusste es bisher auch noch nicht; die Strecke wird ihm nur nach und nach angezeigt.“ Ich: „Soll ich jetzt in Plaaz mit dem Bus fahren?“ Sie: „Dort gibt es keinen Bus. Der wurde gestern auch vermisst. Es würde mich wundern, wenn er heute fährt.“
Ich: „Mein Auto steht woanders, ich habe vorgesorgt.“
Sie: „Alles richtig gemacht. Nach meiner Auskunft müssten Sie stundenlang im Kalten in Plaaz warten. Das ist nicht zumutbar. Ich würde Ihnen einen Taxigutschein ausstellen. Allerdings müssten Sie das Taxi selbst bezahlen, können es sich aber rückerstatten lassen.“
Ich: „Und wenn ich kein Geld dabei habe?“
Sie: „In diesem Fall müssen Sie warten.“

Zum letzten Markt in diesem Herbst in Hochheim kam ich verspätet hin und pünktlich zurück, so dass die Statistik vom vergangenen Jahr bestätigt wurde: Bei fünf von zehn Fahrten errreichte ich tatsächlich mit dem vorgesehenen Zug mein Ziel.
Wirklich überzeugend ist das nicht. Aber ganz ehrlich: Mit dem Sparticket fahre ich trotzdem immer noch billiger und angenehmer als mit dem Auto. Es wäre allerdings schön, wenn es einen benutzbaren Bahnhof jenseits der Draisine in der Nähe gäbe. Vor ein paar Jahren bin ich noch in Lübz eingestiegen. Doch auch diese sogenannte Südbahn wurde vor kurzem stillgelegt. Busse sind kein Ersatz. Man kann keine Fahrräder mitnehmen; mir wird regelmäßig schlecht beim Lesen oder Häkeln, und vor allem nützen mir der Sparpreis und meine BahnCard nichts.

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