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Hera - die Muttergöttin unseres Sonnensystems

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 16.02.2019, 22:35 Uhr.

Mit der Umstellung auf einen neuen Computer ist mir beim Aufräumen der Dateien ein alter Text aufgefallen, den ich Euch gerne zur Verfügung stellen möchte. Er stammt vom 25. März 2006:

Ich lade alle LeserInnen ein, mit mir einen kleinen Ausflug durch unser Sonnensystem zu machen. Für menschliche Dimensionen ist es eine sehr weite Reise; sie wird schätzungsweise eine Entfernung von 87 Astronomischen Einheiten betragen, was soviel ist wie 13 Milliarden Kilometer. Aus kosmischer Sicht handelt es sich um einen Dorfspaziergang.
Wir schließen also jetzt die Augen. Unsere Füße stehen fest auf dem Boden und ein Teil unseres Geistes klettert wie auf einer Strickleiter vom höchsten Punkt unserer Schädeldecke so weit hinauf, bis er bei seinesgleichen ankommt. Eine konkretere Beschreibung ist leider nicht möglich, da bei jedem Menschen das Höhere Selbst sich an einem anderen Ort befindet. Keine Sorge, irgendwann stellt sich ein Gefühl von „angekommen“ ein.
Bei Stadtführungen geht gewöhnlich der Leiter mit einem Regenschirm voran. Ich habe ersatzweise eine Rose gewählt. Sie heißt „Mysterium“ und gibt es auch als Blütenwasser. Wer möchte, folgt nun der dunkelroten Rose.
Zur Erinnerung: Zwischen uns und der Sonne befinden sich die Bahnen von Merkur und Venus. Unsere kleine Gruppe begibt sich jetzt in die von der Sonne abgewandte Richtung. Wir bewegen uns am Mars vorbei und durchqueren einen Asteroidengürtel, dessen Ursprung den Astronomen schon viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Nun gelangen wir zum Jupiter.An dieser Stelle bitte ich ausdrücklich alle, die Angst haben, auf die Erde zurückzukehren. Der Jupiter gilt als der größte Planet unseres Sonnensystems. Nicht zufällig wurde er benannt nach Zeus, dem Vorsitzenden des griechischen Götterolymp, beziehungsweise seiner römischen Entsprechung. Ein Despot, der zum Erreichen seiner Ziele vor nichts zurückschreckt, seinen Vater Kronos, römisch Saturn, vom Thron verscheucht und trotz seiner Hochzeit mit Hera Vater unzähliger unehelicher Kinder ist. Alle schönen Frauen, egal ob Göttin oder nicht, unterliegen seinem Trieb. Die griechische Mythologie kennt zahlreiche Liebesaffären, oft mit Hinterlist und ebenso viele Eifersuchtsszenen von Hera. In der Tat, mit Ehrlichkeit nimmt Zeus es nicht besonders genau.
Die nächste Planetenlaufbahn ist die des Saturn. Er ist berühmt wegen seiner Ringe. Leider können wir ihn nicht sehen, weil er sich gerade auf der uns abgewandten Seite der Sonne befindet.
Wir bewegen uns weiter Richtung Uranus. Zu unserer Rechten sehen wir in einiger Entfernung einen blauschimmernden Trabanten. Leicht fällt uns die Assoziation mit dem Gott des Himmels. Er entführt uns in Daseinsebenen jenseits der vertrauten Erde.
Ein kurzer Blick zurück und wir bemerken, wie klein die Sonne geworden ist. Natürlich ist sie nach wie vor der größte Stern, aber für unsere verwöhnten Augen reichlich geschrumpft. Ich winke mit der Rose.Ist jemand zurückgeblieben oder unterwegs umgekehrt? Es ist besser, wir bleiben eng beisammen.
Jetzt wird es spannend. Auf den Anblick des Neptun müssen wir verzichten und reisen weiter in eine unheimlich wirkende Gegend. Wir befinden uns 38 Astronomische Einheiten von der Erde entfernt, wobei dieses der Ausdruck für den mittleren Abstand der Erde zur Sonne ist. Unsere Astronomen können diesen Teil unseres Planetensystems zwar noch in den Fernrohren sehen, haben aber Mühe, Aufnahmen auszuwerten.
Mittlerweile sind sich die Wissenschaftler einig, dass Pluto kein zu klein geratener Planet ist, sondern ein größerer Asteroid. Für seinen Entdecker ist das posthum eine echte Demütigung, entspricht aber der Wahrheit. Wir haben Glück und sehen ihn direkt vor uns mit seinem Mond Sharon. Allerdings wirken beide lächerlich klein im Vergleich zu Jupiter oder Uranus. Trotzdem geht von ihnen etwas Magisches aus, was uns an Hades, seinen griechisches Vorbild, erinnert. Als Gott der Unterwelt herrscht er über die Toten. Welches Wissen hatten Menschen, die diese Namen aussuchten? In einer Zeit, in der der Glaube an einen Götterolymp im Himmel längst überholt ist, wählen Wissenschaftler, wie ihre Vorfahren im Altertum, römische Götterbezeichnungen. Und merkwürdigerweise passen die Mythen zu dem, was die Trabanten bei unserem Vorbeiflug in uns auslösen.
Nun bemerken wir, Pluto ist nicht alleine. Je weiter wir reisen, desto mehr Kleinstplaneten zeigen sich. Tatsächlich befinden wir uns in einem Asteroidengürtel, ähnlich dem zwischen Mars und Jupiter, doch um ein Vielfaches breiter. Unsere Reise hört hier auf, in mehr als 80 Astronomischen Einheiten Entfernung von der Erde. Es ist nicht gut, noch weiter zu gehen.
Wir sammeln uns noch einmal und orientieren uns an der Rose Mysterium. Ihre rote Farbe kann man kaum erkennen. Sie verschwindet hinter dem Licht eines anderen Fixsterns. Es ist weißlicher als das unserer Sonne. Dieser Stern wird zur Hälfte abgedeckt von einer dunklen Kugel. Vielleicht ist sie gar nicht so schwarz, wirkt aber vor dem grellen Licht so. Wir staunen und erkennen einen unentdeckten Planeten. Er muss eine erhebliche Masse haben, vergleichbar mit der des Saturn, dem zweitgrößten bekannten Trabanten. Da der Stern uns blendet, sehen wir nicht mehr als eine Silhouette. Doch diese kann sich von der Größe sogar neben Jupiter sehen lassen.
Spontan denke ich an Hera, die Schwester und Gemahlin des Zeus. Sie ist nach ihrem Mann die zweite Vorsitzende des Olymp und steht in der griechischen Mythologie für Familienleben, Treue und Mutterschaft. Sie hält das zusammen, was Zeus verschwendet. Jedoch leidet sie sehr unter seiner Untreue und ist in ihrer Eifersucht verletzend. Sie gilt als die Muttergöttin. Dieser Mythos passt ausgezeichnet zu meinem Gefühl von diesem Riesenplaneten.
Ich winke mit der Rose. Das Mysterium am Himmel hat einen vorläufigen Namen. Die römische Göttin Juno ist schon für einen Planetoiden vergeben. Ein letzter Blick zum Abschied und wir wenden uns wieder unserer vertrauten Sonne zu. Gemeinsam und ohne Verluste begeben wir uns auf den Heimweg. Dieser erscheint viel kürzer als die Hinreise. Mühelos und unbeschadet kehren alle Geistanteile in unsere Körper zurück.
Ich sitze gemütlich zu Hause. Das war nicht meine erste Reise zur Hera. Warum sollte ich die LeserInnen dieses Mal mitnehmen? Mir scheint, die Zeit ist reif, unseren großen weiblichen Planeten in unser Weltbild einzufügen. Jupiter darf nicht alleine herrschen Auch auf dem Olymp gibt es mächtige Göttinnen.

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