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Ost und West

Ein Beitrag von Martina Nell, verfasst am 22.11.2008, 18:43 Uhr.

Neubrandenburg - die Stadt der vier Tore oder auch Drehscheibe zwischen Mecklenburg, Vorpommern, Strelitz und der Uckermark.

Ich sitze im einzigen Restaurant im Bethaniencenter, einem modernen Einkaufspark am Tollensesee. Draußen ist es eisigkalt, die Autos schlittern über den Marx-Engels-Ring, Busse liegen im Straßengraben und nicht einmal das Streufahrzeug kommt durch. Überall stehen Autos auf der Fahrbahn oder werden an den Rand geschoben. Die in einer Mulde am Nordufer des riesigen Sees gelegene Stadt scheint wieder einmal im wahrsten Sinn des Wortes im Verkehrschaos zu erstarren.

Ich habe noch zwei Stunden Zeit bis zu meinem Termin und sitze bei einem großen Salat und zwei Kakaos im Warmen, Zettel und Stift offen auf dem Tsch. Niemand stört sich daran; genausowenig an den Verkäuferinnen des Real-Marktes, die im 30minütigen Wechsel zur Pause hierherkommen. Ganz selbstverständlich packen sie mitgebrachte Vesperpakete aus, holen sich sogar einen Löffel für den Joghurt und eine Tasse für den Kaffee aus der Thermoskanne. Mit großem Appetit beißen sie in ihre Wurstbrote und würdigen den üppig angebotenen Speisen am Büffet keines Blickes.

Vielleicht bin ich trotz meiner nun 14jährigen Wahlheimat Mecklenburg noch zu sehr vom sogenannten Westen gepeprägt -ein Wossi eben- jedenfalls kann ich mir so eine Szene im Harburger Hansecenter nicht vorstellen. Nicht nur, dass dort der Kakao einen ganzen Euro mehr kostet als hier, wo ich für den zweiten sogar nur noch 50 Cent bezahle statt 1,50 €, sondern ich habe dort niemanden gesehen, der es wagen würde, in einem Restaurant seine eigenen Butterbrote zu verzehren.
Merkwürdigeweise bekam ich im Hansecenter kaum einen Sitzplatz, während hier nur drei Tische belegt sind. Leben wir fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch in so verschiedenen Welten?

In den vergangenen drei Jahren habe ich schätzungsweise dreihundert HeilpraktikerInnen in Einzelterminen besucht, um meine Blütenwasser vorzustellen. Gejammert haben die meisten, -glücklicherweise nicht alle- über die schlechte Wirtschaftslage, zu wenig Patienten, keine Bereitschaft etwas zu kaufen... Doch am lautesten waren die Töne in Hamburg, Deutschlands reichster Stadt, weil beispielsweise die Zuzahlungen für Heilpraktiker mit der Gesundheitsreform sich reduzieren. Sehr viel leiser dagegen schienen mir die Stimmen aus Brandenburg, die ganz nebenbei erwähnten, ohne einen Zuverdienst im Krankenhaus könnten sie gar nicht leben...

Sehe ich das Glas nun halbvoll oder halbleer?

Dazu fällt mir spontan ein Gedicht ein:

"Oh, wie ist das Jammern schön
hör ich viele Leute gehen;
denn Lamentieren macht süchtig,
wichtig ist: genieße es richtig!
Sonst könntest Du zufällig
Deinen Platz im großen Konzert
ganz einfach verpassen.
Achte darauf, daß jeder Dich hört!
Den Schlammassel verbreitest Du eilig,
sonst muß ich Dich aus dem Gemecker entlassen.
Beeil Dich, damit die Welt nicht verkehrt,
und das Lachen Euch plötzlich heilig!
Vergessen das Zetzern und Hassen,
was zählt ist alleine die Liebe;
Eure Sinfonie sind für sie doch nur Hiebe.
Tritt aus aus dem Chor
und steig zum Himmel empor!
Nur so kannst Du Dich unterschieden
und ein Festkleben im Schluchzen vermeiden."

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