Literatur

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Gustav und Pinkel - Martina Nell

Ein Kinderbuch für Leser von 5-11 Jahren mit 67 Abbildungen.

Gustav und sein Kater Pinkel sind unzertrennliche Freunde; umsomehr als Gustav dem Tier nach einem Unfall das Laufen wieder beibringt. Die 20 Kurzgeschichten spielen in Groß und Klein Quelldorf, zeigen kindgerecht Aspekte des Landlebens und erinnern herzlich an Ritterlichkeit, Freundschaft oder selbstgemachtes wurmfreies Apfelmus. Die Autoren laden die kleinen ebenso wie die großen Leser ein, mit Bäumen zu sprechen, Wassergeister zu grüßen und ihren persönlichen Schutzengel nach seinem Namen zu fragen. Zwischen die ernsthaften Überlegungen drängt sich immer wieder Kater Pinkel und führt die Kinder zurück in einen humorvoll-dörflichen Alltag.

Text von Martina Nell; Zeichnungen von Sieglinde Schlauch.


Leseprobe: Pinkels Unfall

Kater Pinkel ist jetzt zwei Jahre alt. Gustav stellt ihm eine Schüssel mit Vanillequark hin. Den mag er besonders gerne. Während Pinkel genussvoll den Quark schleckert, denkt Gustav daran, wie er ihn damals ganz klein von Oma abgeholt hat:

Gustav hatte den Katzenkorb auf den Nachtisch neben seinem Bett gestellt und legte den winzigen Kater hinein. Er streichelte ihn und drehte sich um. Sofort stand Pinkel auf und kletterte auf das Bett. Gustav dachte, der Kater darf dort nicht schlafen, dafür hat er doch den Korb. Also hob er ihn zurück. Pinkel störte das wenig und kroch wieder zu seinem Herrchen. Dieser brachte das Tier wieder in den Korb und so fort. Nachdem sie dieses zehn Mal gespielt hatten, war Gustav es leid. Er schlief müde ein, der kleine Pinkel auf seiner Decke.
Seitdem kommt der Kater jeden Abend. Während Pinkel ein lautes Schnurrkonzert von sich gibt, krault Gustav ihn am Hals. Dann erzählt er ihm die wichtigsten Ereignisse des Tages. Wenn der Junge eingeschlafen ist, steht der Kater auf und geht auf Mäusejagd in den Garten. Im Küchenfenster hat Papa extra eine Öffnung eingebaut. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Sie haben keine Katzentoilette. So sparen sie nicht nur Geld, sondern auch den Zank, wer dafür zuständig ist. Morgens legt Pinkel sich wieder auf Gustavs Bett. Wenn der aufwacht, denkt er, Pinkel hat die ganze Nacht dort verbracht.

Als Pinkel seinen Vanillequark aufgegessen hat, geht er zu Gustav und reibt seine Schnauze an seinem Bein. Das ist seine Art, sich zu bedanken. Nun springt er zum Küchenfenster und ist verschwunden.
Gustav läuft lachend in den Garten. Der Kater sitzt auf dem Hausdach. Er beobachtet einen Spatz, der wenige Meter neben ihm in der Regenrinne pickt. Plötzlich springt Pinkel mit einem großen Satz auf ihn, um ihn zu fangen. Doch der Vogel ist schneller. Er fliegt gerade rechtzeitig weg. Pinkel aber rutscht aus und fällt vom Dach.
Gustav lacht: „Das geschieht dir recht. Der kleine Spatz will auch leben.“
Jedoch bald vergeht ihm das Lachen. Pinkel kommt nicht wie sonst munter daher gelaufen. Statt dessen bleibt er miaulend auf dem Boden liegen. Was ist passiert? Seine Hinterpfote hängt so komisch zur Seite.
Gustav holt schnell Papa. Gemeinsam heben sie den Kater in den Katzenkorb. Der faucht und kratzt und miaut dabei jämmerlich.
Gustav weint: „Muss Pinkel jetzt sterben?“
Papa tröstet ihn: „Nein, so ein kleiner Sturz kann nicht so schlimm sein. Komm, wir fahren sofort zum Tierarzt.“
Der gibt Pinkel eine Beruhigungsspritze und untersucht ihn: „Die Pfote ist gebrochen und zwar mehrfach. Es ist fraglich, ob er jemals wieder laufen kann. Ich rate Ihnen, den Kater einzuschläfern!“
Erschrocken fragt Gustav: „ Was bedeutet einschläfern?“
Der Doktor antwortet: „Er bekommt eine Spritze und wacht nicht mehr auf, ganz ohne Schmerzen!“
Gustav kann einfach nicht anders und schluchzt laut. Dieser blöde Tierarzt hat überhaupt keine Ahnung, was Pinkel für ihn bedeutet!
Jetzt mischt sich zum Glück Papa ein: „Gibt es gar keine Möglichkeit? Ein Mensch wird doch wegen eines Knochenbruchs auch nicht getötet?“
Der Tierarzt runzelt die Stirn: „Ich könnte das Bein nähen.“
„Dann tun Sie das“, Papa ist fest entschlossen, alles zu versuchen.
Gustav atmet auf.
Sie müssen unerträglich lange im Wartezimmer sitzen, bis der Arzt ihnen den Korb mit dem schlafenden Kater bringt. An seiner Hinterpfote hat er einen Verband.
Die ersten Tage liegt Pinkel schlapp in seinem Katzenkorb. Er rührt sich kaum und frisst nichts. Nicht einmal Vanillequark mag er. Gustav verbringt seine freie Zeit ausschließlich bei hm. Nach ein paar Tagen wird es deutlich besser. Doch der Verband scheint Pinkel zu stören. Er zerrt so lange daran, bis er den ganzen Stoff abgerissen hat. Papa ruft beim Tierarzt an.
„Das ist nicht schlimm“, sagt dieser, „wenn der Bruch gut verheilt, kann der Kater bald wieder laufen, auch ohne Verband.“
Gustavs Freude ist riesengroß, als Pinkel die ersten Laufversuche macht. Die linke Hinterpfote zieht er allerdings immer nach, als ob er kein Gefühl darin hat. Es ist nur die kleine Tatze am Ende, die ständig auf dem Boden schleift. Aber bald fängt sie an zu bluten.
So kann es nicht weitergehen. Kurz entschlossen macht Gustav jeden Tag mehrere Stunden mit Pinkel Laufübungen. Dabei stellt er einfach die Tatze auf. Der Kater macht einen Schritt. Sofort kippt die Pfote wieder weg. Gustav richtet sie gerade. Pinkel versucht erneut zu laufen und so weiter. Nach einigen Tagen geht Pinkel schon mehrere Schritte, bevor die Tatze wegkippt. Nach ein paar Wochen kann er es tatsächlich wieder alleine!
Herrchen und Tier haben es gemeinsam geschafft. Von nun an hängen sie noch mehr aneinander, wenn das überhaupt geht.

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