Salzessenzen

Die einzelnen Essenzen

Die Tiergeschichten sind Metaphern. Alle weisen Lehrer von Religionen haben sich ihrer bedient. Es wäre unmöglich, einem Menschen den Schöpfungsvorgang oder das Universum zu erklären, in schlichten Worten. Unser Verstand ist nicht in der Lage, solche Dimensionen zu begreifen.

Genau diesen Weg gehen meine Tiererzählungen. Statt eine abstrakte Abhandlung über "Bewußtheit" zu verfassen, mit der sowieso niemand etwas anfangen kann -am wenigsten ich selbst- beschreibe ich einen Delfin.

Ich schlage vor, sich schmunzelnd ein Stück in die Metaphern hineinzufühlen. Sie sind sorgsam gewählt und vielschichtig. Eine Instanz in uns pickt genau den Aspekt heraus, der zu diesem Zeitpunkt angemessen ist.

Die folgenden drei Beispiele sollen einen Eindruck von den Geschichten vermitteln:

Vollendung

Es war einmal ein Storch, der flog von Afrika nach Europa; denn der Winter war vorüber. Niemand hatte ihm einen Radioapparat geschenkt, keiner ein Thermometer umgehängt oder einen Kalender gekauft. Der Vogel brauchte diese Errungenschaften der Menschen nicht. Sein Wegweiser war ein inneres Wissen. Vielleicht tat er es nicht bewußt, aber in dem Moment, wo die Erde sich unter dem Einfluß ihrer natürlichen Bewegung durch das Weltall in den Herbst hineindrehte, flog Meister Adebar gen Frühling nach Norden.

Man könnte jetzt eine lange biologisch-philosophische Erörterung schreiben, welche Mechanismen ihn tatsächlich beflügelten und woher er ohne Kompaß so genau wußte, in welchem Dorf er im Vorjahr gebrütet hatte. Namhaften Wissenschaftlern ist der endgültige Beweis bisher nicht gelungen. Also ist es sinnvoll, auf die logischen Erklärungen zu verzichten, nach denen sich der Verstand sehnt. Viel spannender erscheint hier die Feststellung, dass der Storch es tatsächlich viele Jahre hintereinander tat.

Hinzu kommt das unglaubliche Wunder des Fliegens! Tausende von Kilometern legt ein Zugvogel in Autogeschwindigkeit zurück, mit nur wenigen Futterpausen zwischendurch, wenn überhaupt!

Wie viel Treibstoff verbrennt ein Flugzeug bei dem erbärmlichen Versuch, sein gefiedertes Vorbild nachzuahmen? Warum gleitet der Storch scheinbar entgegen Schwerkraft und Reibungswiderstand elegant durch die Luft, während ein Jumbojet mit enormem Aufwand dagegen ankämpft? Wo haben Techniker ihre Augen und Ohren verschlossen, so dass sie trotz aller Forschung das Einfachste nicht tun: einen Vogel nachzubauen.

Die Menschen sind so erbärmlich weit davon entfernt, die Schöpfung auch nur annähernd zu begreifen. Deshalb solltest du es nicht gerade jetzt versuchen. Werde stattdessen sozusagen zum Storch. Erhebe dich gemeinsam mit ihm in die Lüfte.

Storchenpaare bleiben jahrelang zusammen. Hintereinander, einer im Windschatten des anderen, fliegt Ihr über die weiten Savannen Afrikas, das Mittelmeer und die Alpen. Weder Navi noch Handy leiten Euch, sondern ausschließlich Euer inneres Wissen. Lass deine gesamte Gewohnheit gewordene Technik auf der Erde zurück; du brauchst sie nicht.

Sei sicher, du wirst in Europa ankommen, auf demselben Schornstein wie letztes Jahr, sofern er noch steht. Begib dich in die vertrauensvollen Hände deiner Höheren Führung. Sie wird dich lenken. Deine einzige Aufgabe ist es, entgegen jeglichen menschlichen Wissens freischwebend zu fliegen. Das ist Vollendung.

Glückseligkeit

Es war einmal eine Schnecke, die war ein von den Menschen gar ungeliebtes Tier, da sie mit großem Genuss Gemüse, Obst und Blumen in einem Garten auffraß. Sie fühlte sich dort sehr wohl. Schließlich gab es für sie und ihre gefräßigen Nachkommen reichlich Essen und zahlreiche Unterschlupfe. Die Beete waren umgeben von duftenden Kräutern und das gesamte Grundstück grenzte eine kleine Hecke ab. Ein echtes Schneckenparadies!

Das Weichtier verkroch sich bei strahlender Sonne in der lockeren Erde. Meistens fand es dort sogar kleine Wurzeln zur Vorspeise. In der Dämmerung kam es aus seinem Versteck hervor und ließ sich von den Düften der Blumen anlocken. Kreuzte es auf dem Weg dorthin frische Pflanzentriebe oder gar süße rote Früchte, fraß es diese als Hauptspeise. Den Nachtisch bildeten dann die zarten Blütenblätter der liebevoll gepflanzten Gartenzierden.

Natürlich wollte das schleimige kleine Wesen niemanden ärgern; es folgte lediglich seinem Trieb. Manchmal unterbrach es sein Festmahl, um mit einer anderen Schnecke zu kuscheln. In trauter Zweisamkeit lagen sie dann fest miteinander verklebt auf der feuchten Wiese. Bald darauf legte das Tier eine beachtliche Anzahl von Eiern in den Boden und begab sich wieder zu den leckeren Köstlichkeiten.

So verbrachte die Molluske mehrere Wochen in ungetrübter Glückseligkeit. Eines Abends kam ein Igel und fraß sie auf.

Das Denkvermögen eines Weichtieres ist äußerst begrenzt. Anders als höher entwickelte Lebewesen oder gar Menschen schaut es nicht zurück oder nach vorne. Es kennt auch keine Angst vor dem Tod.

Die Schnecke lebt im Augenblick. In dem Moment, wo die Blumen duften, genießt sie sie. Das ist das Geheimnis des Glücks.

Schöpferkraft

Es war einmal eine Biene, die begann ihr erstes Lebensjahr. Sie kannte weder Herbst noch Winter, weil sie im Frühling erst zur Welt kam. Nun flog sie gemeinsam mit ihren Schwestern von Blume zu Blume, um deren Pollen zu sammeln.

In jenem Sommer gab es eine üppige Ernte. Die Sonne strahlte mit besonderer Kraft und die Blüten schienen zahlreicher denn je. Doch das konnte die Biene nicht wissen; sie hatte keinen Vergleich.

Überschwenglich besudelte sie sich mit dem Pflanzennektar, bis sie ganz benommen war. Dann füllte sie ihre Taschen so voll wie möglich und sauste nach Hause. Dort wurden ihre Pollen zu Honig weiterverarbeitet. Davon allerdings bekam das Insekt zunächst nichts mit; es war bereits wieder unterwegs zu den köstlichen Blumen.

Die Biene konnte nicht anders, sie musste einfach in alle Blüten fliegen, die sie anlachten – und davon gab es Etliche! Dabei tat sie etwas, was auch Menschen gut kennen: Sie hielt sich an ihr Lieblingsessen. Hatte sie Geschmack an einem bestimmten gefunden, steuerte sie nur noch dieses an. Ahnungslos erfüllte sie damit ein wunderbares Werk der Schöpfung: Sie verteilte die männlichen und weiblichen Pollen zwischen den Pflanzen und befruchtete sie!

Welch geniale Erfindung! Ohne das schwarz-gelbe Wesen müssten wir nicht nur auf den lieblichen Honig verzichten, sondern auch auf Äpfel, Birnen, Pflaumen und viele leckere Obstsorten. Dieses erst wenige Wochen alte Tier spendete so unzähligen Mündern Nahrung.

Was glaubst du, welche ungenutzten Fähigkeiten in dir stecken? Während ein unscheinbares Insekt etwas derart Großartiges vollbringt, machst du was? Dreh den Lautstärkeregler deines Verstandes auf ganz leise und lass ihn im Hintergrund dudeln. Dann werde zur Biene und stürze dich ohne nachzudenken auf deine Leibspeise. Flieg mit ihr von Blüte zu Blüte, bis du so berauscht bist, dass du deine Umwelt vergisst.

Alles, was nun entsteht, entspringt deiner ureigenen Schöpferkraft. Vielleicht bemerkst du es nicht, wie dein kleines Vorbild, aber deine Taten haben große Wirkungen.

Jedoch warte nicht zu lange, sonst überrascht dich der Frost.